Baikalbahn Reisebericht

Zug Matanja – die Seele der Baikalbahn                                          

Matanja heisst in der Umgangssprache “Geliebte” und dieser Zug faehrt als Elektrischka entlang des Baikalsees: Die “Geliebte von Vater Baikal” ist die Seele der Baikalbahn.

Der Zug Matanja ist mit Sicherheit einer der besondersten Zuege in Russland, nicht etwa
wegen eines besonders hohem Komfort, nein, vielmehr wegen der atemberaubenden Bahntrasse und den einzigartigen Bezug zur heimischen Bevoelkerung, den nur dieser Zug hat. Der Matanja verkehrt als Linienzug auf der Baikalbahn von Sljudjanka 1 nach Port Baikal und zurueck, 4x die Woche am Tage und 4x nachts.

Etwas unscheinbar stehen am Bahnhof Sludjanka auf Gleis 1 drei Waggons: 2 Waggons Platzkartny und 1 Gueterwaggon. Touristen wundern sich, warum gerade dort sich einige Passagiere mit grossen Taschen aufhalten und warten. Es ist 13:00 Uhr in Sljudjanka, die Kasse zum Fahrkartenkauf mit der Eletritschka hat seit 10 Minuten geoeffnet.
Ein paar Backpacker stehen vor mir in der kurzen Warteschlange an der Kasse, sie alle kaufen Fahrkarten nach Port Baikal, oder einfach nur bis Kilometer110 oder 102, man muss schon wissen, wohin man will. Sie kaufen ein Billet fuer den “Matanja”, den einzigen Linienzug auf der alten Baikalbahn.

Als auch ich meine Fahrkarte erworben habe und auf den Bahnsteig vor das schoene aus Marmor gebaute Bahnhofsgebaeude zurueck kehre, wird gerade die Diesellok vor “meinen” Zug gekoppelt.
Noch ist etwas Zeit, Proviant fuer die gut 6 stuendige Bahnfahrt entlang des Baikalsees zu kaufen, geraeucherter Omul-Fisch, Brot, Wasser und ein paar Bier, das sollte reichen.

Gegen 13:20 Uhr oeffnen die beiden Zugbegleiterinnen Katja und Olga die Waggontueren, kontrollieren ordnungsgemaess die Tickets und man sucht sich seinen Platz aus, dabei gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, Einheimische fahren im 1. Waggon, Touristen im zweiten, wenigstens ab Sljudjanka, spaeter mischt sich alles.

Um Punkt 13:30 Uhr ist Abfahrt, auch wenn der Zug als Elektritschka gelistet ist bei der russischen Bahn, es werden Passagierwaggons der 3. Klasse eingesetzt, eine Platzreservierung gibt es trotzdem nicht. Ich suche mir gleich einen Platz auf der rechten Seite, gesehen in Fahrtrichtung, so habe ich stets einen Blick auf den Baikalsee.

Nach gut 20 Minuten erreichen wir Kultuk, die eigentlich erste Station auf der Baikalbahn Krugobaikalka. Einige weitere Passagiere steigen hier zu, die mit der Elektrischka aus Irkutsk gekommen und an der Transsib-Station Partisanskaja noch vor Sljudjanka ausgestiegen sind, dann gehts 500 Meter einen Pfad hinunter nach Kultuk Bahnhof, man spart somit viel Zeit und muss nicht bis Sljudjanka fahren.

Ueber 20 x haelt der Matanja auf der 89 km langen Strecke nach Port Baikal, genau weiss man dies immer erst am Ende dieser Bahnreise, da wird zwischendurch auch einmal rangiert, damit die Wellblaeche im Gueterwaggon genau dort abgeladen werden koennen, wo es am zweckmaessigsten ist, manchmal haelt eine Babuschka auch ihren Arm heraus, sie will Brot kaufen und der Zug haelt an.

Mit dem Matanja geht Leben und kommt neues. So ist dieser Zug auch der letzte Transport fuer im Krankenhaus Sljudjanka verstorbene Einheimische zurueck in ihre Siedlung, dann haelt “die Seele der Baikalbahn” auch schon einmal nahe dem Friedhof, denn ein Sarg wird im Gueterwaggon transportiert.
Aber der Matanya ist nicht nur fuer manche die letzte, sondern fuer viele Neuankoemmlinge auch fuer die erste Fahrt des Lebens zustaendig. Olga aus der Siedlung Polovinnaja km110 brachte erst letzte Woche ihre Tochter im Krankenhaus Sljudjanka zur Welt und fuhr 3 Tage spaeter mit ihrem Sohn nach Hause, mit ihrem Matanja.

Der Matanja versorgt schon seit Jahrzehnten die Einheimischen an der Baikalbahn im Sommer mit frischem Brot, denn Geschaefte gibt es in fast keiner Siedlung mehr. Den Rest zum Leben hat man ja in seinem Garten, im Winter dann gibt es auch Konserven zum Verkauf direkt am Zug.

Heute ist phantastisch schoenes Wetter, es ist Juli und heiss. Auch wenn die Temperaturen direkt am heiligen Meer – dem Baikalsee – 3-5 Grad kuehler sind als im 100 km entfernten Irkutsk, bei Windstelle koennen es auch hier 25 Grad und mehr werden. So passieren wir auch nach Verlassen der Station Kultuk die ersten Zelte an der Bahnstrecke, es ist beliebt bei Russen, entlang der Baikalbahn zu wandern und zu zelten.

Der Zug faehrt 20-25 km/h im Schnitt, mehr gibt das alte Gleisbett nicht her. Oft ertoent ein Signal von der Lok, um Wanderer an der Bahn zu warnen. Ich bin Raucher und gehe zum hinteren Teil meines Waggons, zusammen stehe ich dort mit 2 weiteren Passagieren. Man hat die Tuer geoeffnet, damit es nicht so stickig ist. Eine frische Brise zieht durch waehrend der Fahrt, das ist nicht erlaubt, natuerlich nicht, aber der Matanya ist “unser” Zug, so erklaert mir Svetlana.

Um kurz vor 15:00 Uhr erreichen wir Sharyzhalgay, ein Ferienkomplex der russischen Bahn fuer gut Verdienende. Sehen koennen wir vielleicht deshalb auch keinen einzigen Hotelgast, aber ausgestattet ist dieser Ferienplatz mit allem, vom Tennisplatz bis zum swimming pool.

Ich hole meinen in Sljudjanka gekauften Proviant heraus und mache erst einmal eine richtige sibirische Brotzeit.

In Maritui sind wir gegen 16:15 Uhr, ich frage den Lokfuehrer, ob ich bis zur naechsten Station km 110 Polovinnaja vorne auf der Lok mitfahren darf. Er nickt, erwartet einen Obolus von 100 Rubel, und ich habe eine Traum-Bahnreise vorne auf der Lok fuer gut zwei Euro gebucht.

Um 16:30 Uhr geht es los, vorne auf der Lok habe ich natuerlich einen phantastischen Blick.

Bei km 112 durchqueren wir den kuerzesten Tunnel der Baikalbahn, und dann tut sich vor mir mein heutiges Reiseziel auf, die Bucht von Polovinnaja, 17:00 Uhr ist es inzwischen geworden.

Ich setze mich bei Ankunft auf einen Stein und beobachte noch, wie Olga zwei Maenner dirigiert, Ihre Waren fuer ihren kleinen Kiosk in Polovinnaja auszuladen, es ist zumeist nur Bier, das auf Handkarren in die kleine Siedlung gezogen wird.

Meine Uebernachtung ist gebucht in einer von der Bahnstation 300 Meter entfernten Ferienanlage, ich hatte den Ferienkomplex vorne von der Lok aus als wir ueber das Fluesschen Polovinnaja gefahren sind bereits gesichtet. Vladimir arbeitet in der “Turbase” und holt mich ab, er ist sehr freundlich und will auch den Rucksack tragen, was ich zunaechst ablehne.
Wir gehen ein Stueckchen entlang der Bahnlinie ueber die Bruecke, eine kaputte Treppe hinunter zu einem dort parkenden kleinen Traktor mit Anhaenger, mein “Gepaecktransport” fuer die letzten 200 Meter, das ist sibirischer Service.

Raisa leitet die Ferienanlage und begruesst mich sofort und zeigt mir mein schoenes Zimmer. Abends gibt es Hausmannskost, denn man kocht hier noch alles selbst und fast alle Produkte gibt es aus dem heimischen Garten.

Den ganzen naechsten Tag verbringe ich in dieser idyllischen einmalig schoenen Natur, die meiste Zeit am Baikalstrand. Ich habe Olga besucht um in ihrem kleinen Kiosk etwas Wasser zu kaufen, dieser ist immer von 08:00 – 23:00 Uhr geoeffnet, nur muss man die unscheinbare kleine Klingel ueber dem Schaufenster druecken, sonst kommt keiner.

In der Nacht ist der Zug Matanja wieder zurueck gefahren von Port Baikal nach Sljudjanka, heute nachmittag kommt er wieder, und ich werde meine Bahnreise fortsetzen. Diese 2-Tagestour ist nur am Sonntag/Montag und Donnerstag/Freitag moeglich, wenn man am Tage reisen will.

Um 16:30 Uhr finde ich mich rechtzeitig an der kleinen Station Polovinnaja wieder ein, von weitem hoere ich “meinen” Zug kommen, es ist kurz vor fuenf Uhr. Raisa hat mir noch ein Lunchpaket mitgegeben, ein paar Getraenke habe ich noch bei Olga am Kiosk gekauft.

Beim Einsteigen in den Zug verabschiede ich mich mit Handzeichen von den Wartenden am kleinen Bahnsteig, die gestern auch schon dort waren. Man faehrt Matanja, man ist einer von Ihnen. Man kennt sich nicht, gruesst sich trotzdem, vielleicht ist das gerade das Besondere an dieser Reise, es erinnert mich an Wanderungen durch die Alpen, da haben wir uns auch alle stets gegruesst.

Gut 2,5 Stunden dauert die Fahrt heute noch bis nach Port Baikal. Gitarrenmusik vorne, modern talking hoere ich von hinten, das die hier so beliebt sind, denke ich, aber warum eigentlich nicht? Faehrt man mit dem Matanja entlang der Baikalbahn, dann werden solche Fragen auch weniger wichtig, eigentlich verschwinden sie ganz. Das nenne ich Seele baumeln lassen.

Port Baikal erkenne ich schon von weitem, viele Schrottkaehne liegen dort im Hafen.
Der Matanja kommt puenktlich um 19:40 Uhr an, noch genuegend Zeit, sich das kleine Museum ueber die Baikalbahn im Bahnhof Port Baikal anzusehen, der Eintritt ist kostenlos. Vom 01.07. bis 31.08. faehrt auch die Faehre Baikalskie Vody nochmal um 20:15 von Port Baikal nach Listvjanka ueber die Angara, ich komme um 20:30 Uhr am gegenueberliegenden Ufer an. Ich bleibe jetzt noch in Listvjanka, andere fahren um 21:00 Uhr mit dem Bus weiter nach Irkutsk.

Ich schaue noch einmal ueber die Angara und sehe die “Seele der Baikalbahn” am Bahnhof Port Baikal stehen, heute nacht faehrt er zurueck.

Thomas, Juli 2011
Uebernachtung Polovinnaja km 110 direkt gebucht bei: www.feriendorf-baikalsee.com